altWie für alle Menschen in dieser Zeit, stellt die Corona-Krise auch für die SchützInnen des ÖSB-Kaders, speziell für die OlympiakandidatInnen, eine besondere Herausforderung dar. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Olympischen Spiele in Tokio überhaupt – und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt – ausgetragen werden können. Die Olympiaqualifikation ist noch nicht abgeschlossen und daher noch alles offen. Jetzt gilt es für jede/n Einzelne/n, die individuell unterschiedlichen Einschränkungen im Trainingsalltag auszuloten und das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Sylvia Steiner, Martin Strempfl, Bernhard Pickl und ÖSB-Trainer Wolfram Waibel berichten aus dem „Homeoffice“.











Eine Athletin, die bei der jüngsten Europameisterschaft bereits ein Olympiaticket holen konnte, ist die Pistolenschützin Sylvia Steiner (S): „Gesundheitlich und mental geht es mir gut. Ich kann auf dem Schießtand in Bischofshofen trainieren (Stand 21.03.20 12:30). Wir sind auf 10m und maximal zwei Personen, unter dem nötigen Sicherheitsabstand, beschränkt. Ob das bis zum Ende der Ausgangsbeschränkungen so funktioniert, werden wir sehen. Danke hier an die Firma Meyton für den elektronischen Stand, den ich zur Verfügung gestellt bekommen habe. Neben dem Luftpistolentraining kann ich hier auch mein Schnellfeuertraining mit der LP5 weiterführen. Ich darf auch weiterhin während der Dienstzeit – immer unter den gegebenen Beschränkungen (Sicherheitsabstand) – laufen gehen, also ist für die körperliche Fitness gesorgt. Ansonsten versehe ich meinen ganz normalen Dienst in der Kaserne. Ob wir noch zu einem Hilfseinsatz oder dgl. entsendet werden, wissen wir noch nicht. Ich hoffe wirklich sehr, auch wenn das egoistisch klingen mag, dass die Olympischen Spiele stattfinden und glaube, dass faire Qualifikationsmöglichkeiten gegeben sein werden. Wie sich aber alles entwickeln wird, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.“

Martin Strempfl (ST) hatte den ersten Olympiaquotenplatz für Österreich bereits zu Beginn der Saison 2019 mit dem Luftgewehr geholt und sieht die Krise als Chance: „Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, da ich weiß, dass es vielen Menschen nicht besonders gut geht – sei es gesundheitlich, psychisch oder auch wirtschaftlich, aber mir und auch meiner ganzen Familie geht es sehr gut. Ich verbringe sehr viel Zeit mit meinen beiden Buben und kann einige Arbeiten am Haus erledigen, die schon längst überfällig sind. Auch wenn ich der Meinung bin, dass in der jetzigen Situation der Sport eine untergeordnete Rolle spielt, ist er mir doch eine große Stütze. Ich kann zwar im Moment nicht scharf schießen, habe mir aber einen Stand im Schlafzimmer hinaus auf den Gang aufgebaut, wo ich mit dem Scatt-Gerät mein Training gestalte. Anfangs war es etwas schwierig, die Motivation hochzuhalten, da ja alle Wettbewerbe abgesagt wurden. Daher habe ich mich ganz der Technik verschrieben und sehe diese Situation jetzt sogar als große Chance, den nächsten Schritt zu machen. Meine körperliche Fitness versuche ich bei dem schönen Wetter mit Laufen, Rumpf- und Stabilisationstraining hochzuhalten. Ich wünsche allen, dass sie gesund und gestärkt aus dieser Situation hervorkommen und wir uns möglichst bald wieder bei einem Wettbewerb sehen werden.“

Heeresleistungssportler Bernhard Pickl (NÖ) gehört ebenfalls zu den Olympiakandidaten, hat aber bisher noch kein Olympiaticket geholt: „Ich bin derzeit wieder in meinem Heimatort, da ich in Salzburg keine Trainingsmöglichkeiten mehr hatte. Gesundheitlich geht es mir und meiner Familie gut. Ich versuche meine Eltern so weit wie möglich zu unterstützen. Mental hab ich mich gut auf die Situation eingestellt – wir sind es als Sportler ja gewohnt, mit immer wieder neuen Umstände umzugehen. Ich nutze die Zeit nun um meine Bachelorarbeit fertigzustellen, Grundlagen im Konditionsbereich zu schaffen und den Geist wieder etwas zur Ruhe kommen zu lassen. Die spezifischen Trainingsmöglichkeiten sind sehr beschränkt, auf Halte- bzw. Trockentraining im Flur. Ich bin derzeit noch nicht im Hilfseinsatz, aber bereit, sobald das Bundesheer mich einberuft.“

ÖSB-Nationaltrainer Wolfram Waibel (V), der aufgrund eines nicht-begründeten Verdachts bereits zwei Wochen in freiwilliger Quarantäne verbracht hat, kann der Situation auch einige positive Aspekte abgewinnen: „Ich sehe in dieser Zeit die Chance für unser Team, sich auf Trainingsinhalte wie Kraft und Ausdauer zu konzentrieren, die in der intensiven Wettkampfphase der Schießsaison oft ein wenig zu kurz kommen. Damit ist es möglich, die Trainingsmotivation für eine Weile aufrecht zu erhalten. Das Fehlen eines spezifische Schießtraining und natürlich das Ausfallen der Wettkämpfe wird bei vielen SchützInnen den Wunsch auf die Rückkehr in die Normalität enorm steigern und eine immense Vorfreude auf den oft als selbstverständlich hingenommenen Trainings- und Wettkampfalltag schüren. Besonders jene AthletInnen, die unterstützt durch das Österreichische Bundesheer die Möglichkeit haben, sich voll und ganz ihrem Sport auf leistungssportlicher Ebene zu widmen, werden ihre Privilegien bewusst werden und im Falle eines Hilfseinsatzes auch ein wenig zurückgeben. Meine große Hoffnung ist es, dass die Junioren-EM in Osijek (geplant Ende Juni) und die Junioren-WM (geplant Mitte Juli) auf Herbst verschoben werden können, um dem Nachwuchs die Möglichkeit zu bieten, weiterzuarbeiten.“

Foto: Martin Strempfl am "Schießstand" im eigenen Schlafzimmer